Die allergische Rhinosinusitis

Prof. Jean-Silvain Lacroix

Grangettes Klinik, Chêne-Bougeries

Mai 12, 2021

ALLERGISCHE RHINOSINUSITIS: WAS IST DAS?

Die Rhinosinusitis ist eine der häufigsten Krankheiten, an der Menschen jederAltersgruppe erkranken können. Die Intensität der Symptome scheint mit zunehmendem Alter abzunehmen. Es handelt sich bei dieser Krankheit um eine Entzündung der Schleimhaut der Nasenhöhlen und der Nasennebenhöhlen. Sie tritt als Folge einer gleichzeitigen Stimulation unserer Empfindungsnerven und unseres Immunsystems durch zahlreiche Faktoren auf. Die Nasenschleimhautentzündung wird immer von einer Nasennebenhöhlenentzündung begleitet, oder umgekehrt: Man spricht also immer von einer Rhinosinusitis.

WOZU DIENT DIE NASE?

Im Normalfall funktioniert die Nase wie eine Aufbereitungsanlage für die eingeatmete Luft. Bei der Atmung durch die Nasenhöhlen wird die Luft erwärmt, befeuchtet und gereinigt wie in einem Filter. 

Mehr als 90% der inhalierten Partikel bleiben bei ihrem Weg durch die Nase auf der die Nasenschleimhaut bedeckenden Schleimschicht hängen. Dieser Schleim ist wie ein Förderband und bewegt sich ständig gegen den Rachen hin.

Dies ist auf die Aktivität der Zilien (feinste Härchen), die sich auf der Oberfläche der Zellen befinden, welche die Nasenschleimhaut bilden, zurückzuführen. Dieses selbstreinigende Förderband ist jedoch äusserst anfällig und verliert bei Entzündungen sehr rasch seine Wirksamkeit. Die Nasenschleimhaut spielt nicht nur eine wichtige Rolle bei der Aufbereitung der eingeatmeten Luft, sie ist auch ein Organ, das extrem empfänglich für irritierende Substanzen ist, die sich in der Umgebung befinden können. Die Nervenfaserenden des Riechnervs ermöglichen es uns, die uns umgebenden Düfte zu riechen. Die Empfindungsfasern des Trigeminusnervs sind imstande, mechanische, thermische oder chemische Stimulationen zu registrieren. Man kann also sagen, dass die Nase quasi die Rolle einer Alarmanlage spielt, welche die unteren Atemwege vor dem Einatmen potentiell gefährlicher Substanzen schützt.

IST DIE ALLERGISCHE RHINOSINUSITIS EINE HÄUFIGE KRANKHEIT?

Ja, schätzungsweise 25% der Bevölkerung sind davon betroffen. Die meisten epidemiologischen Studien haben gezeigt, dass die Anzahl Menschen, die an einer allergischen Rhinosinusitis leiden, während der letzten 30 Jahre stark zugenommen hat, insbesondere in entwickelten und industrialisierten Ländern. Die Anzahl Personen, bei denen im Verlaufe eines Jahres die Krankheit ausbricht, hat sich während der letzten 30 Jahren etwa vervierfacht. Allergische Rhinsinusitiden können in zwei grosse Gruppen eingeteilt werden: Saisonale oder periodische Rhinosinusitiden, die im Allgemeinen als Folge einer Pollenallergie auftreten sowie die perennialen (ganzjährigen) allergischen Rhinosinusitiden. 

Am häufigsten tritt die saisonale allergische Rhinosinusitis auf. Die Zahl der symptomatischen Patienten scheint vom Pollengehalt der Luft abhängig zu sein. Die Symptome der pollenallergischen Rhinosinusitis scheinen sich durch die Luftverschmutzung zu verschlimmern. Die saisonale allergische Rhinosinusitis kann schon vor dem Schulalter auftreten, kommt jedoch in der Adoleszenz häufiger vor. Die saisonale allergische Rhinosinusitis, bricht ebenso wie die Konjunktivitis (Augenentzündung) und das saisonale Asthma, selten nach dem 35. Altersjahr aus, vor allem, wenn sich die betroffene Person in der gleichen Gegend aufhält. Im Allgemeinen nehmen die Symptome mit dem Alter ab und treten etwa ab dem 60. Altersjahr seltener auf. Perenniale allergische Rhinosinusitiden betreffen etwa 5 bis 10% der Bevölkerung. Im Allgemeinen sind Symptome vor dem 4. Lebensjahr ziemlich selten. Menschen der Altersgruppe 15-30 sind am häufigsten betroffen. Die Anzahl neuer Patienten und die Intensität der Symptome scheint ab dem 35. Altersjahr progressiv abzunehmen. Die perenniale allergische Rhinosinusitis ist häufig verbunden mit Bronchialasthma. Dazu ist zu bemerken, dass etwa 70 bis 80% der Asthmapatienten eine perenniale allergische Rhinosinusitis aufweisen.Andererseits haben etwa 50% der Patienten, die an einer allergischen perennialen Rhinosinusitis leiden, ein Bronchialasthma.

WELCHE ANDEREN MANIFESTATIONEN WERDEN MIT EINER RHINOSINUSITIS ASSOZIIERT?

  • Die Obstruktion der Nasenhöhlen wird im Allgemeinen von einer Einschränkung des Geruchsinns begleitet.
  • Personen, die wegen einer Allergie an einer Obstruktion der Nasenleiden, klagen oft über den Verlust des Geschmacksinns.
  • Die Entzündung der Schleimhäute der Nase und der Nasennebenhöhlen hat eine Entzündung der Eustachischen Röhre (Ohrtrompete) zur Folge und verleiht das Gefühl, verstopfte Ohren zu haben und schlechter zu hören.
  • Dauert das Phänomen an, kann eine Ansammlung von klaren Sekreten beim Mittelohr beobachtet werden (seromuköse Ohrenentzündung).
  • Die Ansammlung von Schleim in den Nasennebenhöhlen kann eine Infektion begünstigen (infektiöse Rhinosinusitis) oder mit einem Druckgefühl im Gesichtsbereich oder Kopfschmerzen verbunden sein. Es gibt weder klinische (insbesondere nicht das Aussehen der Sekrete) noch radiologische Zeichen, die es ermöglichen, eine klare Diagnose einer bakteriellen Rhinosinusitis zu stellen. Die Diagnose muss durch eine bakteriologische Untersuchung der Nasensekrete bestätigt werden. Eine Antibiotika-Behandlung wird erst verordnet, wenn eine pathogene Bakterie identifiziert wurde.
  • Ausserdem können Husten sowie eine von Stimmproblemen begleitete Kehlkopfentzündung beobachtet werden.
  • Gewisse Hautentzündungen, allergische Bindehautentzündungen sowie nächtliches Schnarchen und Schlaf-Apnoe-Syndrome sind andere Begleitkrankheiten der allergischen Rhinosinusitis.

WELCHES SIND DIE CHARAKTERISTISCHEN SYMPTOME?

Die allergische Rhinosinusitis beginnt mit einer Entzündung. Das erste Symptom, das auftritt ist im Allgemeinen ein Pruritus (Juckreiz oder Kitzelgefühl) in der Nase, manchmal im Mund, in den Augen und manchmal in den Ohren. Diesem Pruritus folgen im Allgemeinen ein Niesen und dann übermässige wässrige Absonderungen. Schliesslich tritt eine Obstruktion der Nase ein, die von Kopfschmerzen und einer Schleimabsonderung in hinteren Nasenbereich begleitet werden kann und, mit Brennen oder Gaumenjucken assoziiert wird.

SYMPTOME
Hinweise auf Entzündungen der Nasenhöhlenschleimhaut und der Nasennebenhöhlenschleimhaut
• Juckreiz in der Nase gefolgt von Niessalven
• Übermässiges wässriges Nasensekret
• Obstruktion der Nase, auf die Kopfschmerzen und Gaumenjucken folgen können


WAS KANN ICH TUN, WENN ICH AN EINER RHINOSINUSITIS LEIDE?

Zunächst kann der Hausarzt (Kinderarzt, Allgemeinpraktiker, Internist) in Zusammenarbeit mit einem Allergologen, einem Lungenspezialisten oder einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt (HNO), der auch in Allergologie ausgebildet ist, Untersuchungen durchführen. Dabei geht es darum, das oder die für die Krankheit verantwortliche(n) Allergen(e) zu identifizieren.

Zur Identifizierung der allergenen Substanzen wird der Patient detailliert befragt, insbesondere über den Zeitraum in welchem die Symptome auftauchen und über die Besonderheiten im Umfeld der betroffenen Person. Dann folgen Allergie-Hauttests, die gegenwärtig die zuverlässigste Methode für die Diagnosestellung darstellen. Diese Tests sind schmerzlos und können sogar bei Kindern ab dem ersten Lebensjahr durchgeführt werden. Es kann auch Blut abgenommen werden, um herauszufinden, ob die Gesamtzahl der vorhandenen IgE überdurchschnittlich hoch ist und ob für gewisse Allergien spezifische Immunoglobuline vom Typ E (IgE) vorkommen.

Manchmal kann es hilfreich sein, die allergologische Untersuchung mit einer Untersuchung der Nasenhöhlen zu verbinden. Diese Untersuchung wird von einem Spezialisten mit Hilfe eines Endoskops durchgeführt, das es ermöglicht, den Zustand der Nasenschleimhaut (Farbe, Ödem, Art der Absonderungen) sowie den Innenaufbau der Nasenhöhle (Missbildungen der Nasentrennwand, Hypertrophie der Nasenmuscheln, Vorhandensein von Polypen, etc.) zu untersuchen. Zeigt die Allergieanalyse eine Sensibilisierung auf gewisse Allergene auf, spricht man von einer spezifischen Hyperreaktivität. Ist die Analyse negativ, aber die Symptome sowie die charakteristischen klinischen Symptome konnten identifiziert werden, dann spricht man von einer nichtspezifischen Hyperreaktivität.

WIE WIRD DIE ALLERGISCHE RHINOSINUSITIS BEHANDELT?

Eine Meidung der Allergene, soweit sie möglich ist, ist immer noch die wirkungsvollste Grundlage einer Behandlung. Solche Massnahmen sind manchmal schwierig umzusetzen, wenn es sich um eine Allergie gegen Pflanzenpollen handelt, die in der Umgebung reichlich vorkommen. Hingegen ist ein Ausschluss durchführbar, wenn es sich um eine Allergie gegen Substanzen handelt, auf die man im Innern von Wohnräumen oder bei der Berufsausübung trifft. Handelt es sich um eine perenniale allergische Rhino-Sinusitis aufgrund von Hausstaubmilben, können Massnahmengetroffen werden, um die Exposition mit Hausstaubmilben zu verringern. Die wichtigsten Massnahmen sind: Geeignetes Bettzeug, Entfernung von Teppichen und Spannteppichen im Schlafzimmer sowie Anti-Milben-Bezüge für die Matratzen. Bei Tierallergien ist eine Meidung – aus psychologischen und emotionalen Gründen – oft schwierig vorzunehmen.

SPÜLUNG DER NASENHÖHLEN

In den vergangenen zehn Jahren konnte die Methode der Nasenhöhlenspülung bedeutend weiterentwickelt werden. Ihre Effizienz wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Studien bestätigt. Die Spülung der Nasenschleimhaut mit lauwarmem Salzwasser stellt die wirkungsvollste Art und Weise dar, die Anzahl auf der Schleimhaut vorhandenen Allergene zu reduzieren. Wenn eine entzündliche Reaktion auf der Schleimhaut ausgebrochen ist, ist das Selbstreinigungssystem (mukoziliärer Transport) immer gestört. Apotheken bieten zahlreiche gebrauchsfertige, aber kostspielige Lösungen an. Auf die Nasenspülung sollte stets ein Nasenputzen folgen. Dies sollte vor der Anwendung eines Kortikosteroid-Sprays getan werden.

Die Desensibilisierungskur oder Immuntherapie ist die effizienteste Behandlung zur Veränderung der Immunreaktion auf ein Allergen. Die Wirksamkeit der Desensibilisierung ist nicht bei allen Allergien gleich hoch, ist jedoch gut dokumentiert, insbesondere für verschiedene Pollenarten (Gräser, Bäume, krautartige Pflanzen) und Hausstaubmilben. Diese Art der Behandlung ist umso wirksamer, je früher sie angewendet wird und je beschränkter die Anzahl Allergene ist, auf die der Patient sensibilisiert ist.

DIE MEDIKAMENTÖSE BEHANDLUNG BESTEHT AUS:

  • Antihistaminika, werden bei der Behandlung von allergischen Rhinosinusitiden sehr häufig lokal oder systematisch eingesetzt werden. Diese Medikamente verringern Schleimabsonderungen, die Intensität des Juckreizes und die Niesfrequenz, scheinen jedoch bei verstopfter Nase weniger  wirkungsvoll zu sein. Oft wird den Antihistaminika vorgeworfen, Schläfrigkeit oder starke Müdigkeit zu verursachen. Diese Nebenwirkungen können verringert werden, wenn die Medikamente am Abend eingenommen werden. Ausserdem weisen die neuen, heute verfügbaren Antihistaminika viel weniger Nebenwirkungen auf.
  • Lokal eingesetzte entzündungshemmende Moleküle, wie Kortikosteroide, d.h. pharmakologische Substanzen mit positiven Effekten ähnlich dem Kortison, aber ohne dessen schädliche Nebenwirkungen. Die neuen, kürzlich entwickelten Moleküle verringern Entzündungen der Schleimhaut von Nasenhöhle und Nasennebenhöhle auf spektakuläre Weise und mit sehr wenig Nebenwirkungen. Bei länger dauernder Anwendung können sie ein Austrocknen der Nase mit Krustenbildung und manchmal Nasenbluten bewirken. Diese Nebenwirkungen können jedoch durch das Auftragen einer Salbe leicht kontrolliert werden.

BEHANDLUNGSFORMEN DER ALLERGISCHEN RHINOSINUSITS:
• Vermeidung von Kontakten mit dem Allergen
• Nasenhöhlenspülung
• Desensibilisierungskuren (Pollen, Milben…)
• Medikamente (Antihistaminika, topische Kortikosteroide…)

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